Bildung ja – aber wie?

    Dass eine Tageseinrichtung heute eine Bildungseinrichtung ist, steht für Nicole Mönkediek außer Frage. Entscheidend für die Leiterin des Kita-Verbundes St. Remigius in Borken ist jedoch das Wie. Wobei das nur eine von vielen Fragen ist, die sich heute und für die nächsten Jahre in der Betreuung der Kinder vor der Einschulung stellen. Woher zum Beispiel sollen die Erzieherinnen kommen, wenn immer mehr Stunden gebucht werden und der U3-Bereich weiter wächst? Wo doch jetzt schon kaum noch Fachkräfte zu bekommen sind und sich auch die Suche nach Lehrern für ihre Ausbildung als zunehmend schwierig erweist. Wird das von der neuen Landesregierung erwartete neue Kinderbildungsgesetz das Problem der Unterfinanzierung endlich lösen und damit auch eine qualitätsvolle Betreuung weiterhin ermöglichen?

    Auf ruhige Zeiten müssen die Tageseinrichtungen schon seit einer Weile verzichten. Vor allem das erste „KiBiz“ hat 2008 viel Neues auf den Weg gebracht, stellt Mönkediek fest: „Das Thema Bildung ist gestärkt worden, aber es hat dafür keine ausreichende Finanzierung gegeben.“ Zur Ruhe ist die Kita-Landschaft seitdem nicht mehr gekommen. „Neuestes Steckenpferd“ sei die „alltagsintegrierte Sprachbildung“.

    Für Nicole Mönkediek ist dies Ausdruck eines generellen Trends: „Immer mehr Verantwortung wird von der Familie an die Kita abgegeben“. Dafür gibt es eine Reihe von Indizien wie die hohen Stundenbuchungen, das unerwartet starke Wachstum des U3-Bereiches und der immer lauter geäußerte Wunsch nach ausgeweiteten und flexiblen Öffnungszeiten. Auch bleiben inzwischen zwei Drittel der Kinder über Mittag in den fünf Kitas, für die Mönkediek verantwortlich ist. „Manche verbringen mehr Zeit mit uns als mit ihren Eltern“, stellt sie fest.

    Die Wünsche der Eltern versteht Mönkediek, aber: „Was bedeutet das für die Kinder?“. Für die Träger der Einrichtungen wirft das neue Fragen auf. Mehr Raum werde gebraucht, weil die Kinder mehr Rückzugsmöglichkeiten benötigen. Es geht aber noch mehr: In Hamburg habe schon 2003 das erste „Kinderhotel“ eröffnet, in dem auch Zeiten am Wochenende gebucht werden könnten.
    Künftig häufiger Öffnungszeiten schon ab 6.30 Uhr und bis 20 Uhr für berufstätige Eltern anzubieten, kann Nicole Mönkediek sich vorstellen. Die erste „KitaPlus“ eines anderen Trägers gibt es schon in Borken. „Wir sind eine Leistungsgesellschaft“, gibt sie sich keinen Illusionen hin. Der Zwang zur Flexibilität, die die Wirtschaft Familien und Kitas abverlangt, hat jedoch Folgen und nicht nur für die Kinder, die sich von Anfang an anpassen müssen. „Es gibt keine festen Zeiten mehr für unsere Mitarbeiterinnen und keine gemeinsamen Mittagszeiten für den Austausch untereinander“, erläutert Mönkediek. Das Mehr an Stress dadurch und die ständig wachsenden Anforderungen ohne personellen Ausgleich äußern sich in hohen Krankenständen.

    Selbst wenn die Finanzierung es zuließe, könnten allerdings kaum weitere Erzieherinnen eingestellt werden. Weil es sie einfach nicht mehr gibt. Die Attraktivität des Berufs zu steigern, ist für Mönkediek deshalb eine Zukunftsaufgabe. Gleichzeitig müssen familienfreundliche Arbeitszeitmodelle entwickelt und in den Gesundheitsschutz investiert werden. In ihren Einrichtungen hockt keine Erzieherin auf einem Kinderstühlchen, sondern jede hat einen eigenen, rückenschonenden Stuhl.

    Um den Anforderungen auch künftig gewachsen zu sein, muss zudem in Fortbildungen investiert werden. Da Bildung einen immer höheren Stellenwert einnimmt, denkt Mönkediek dabei auch an gemeinsame Weiterbildungen mit Grundschullehrern. Wissen könnte ausgetauscht werden. Sie kenne Rektoren, die an mehr Kenntnissen in Elementarpädagogik interessiert wären. Aber: „Wir müssen uns davor schützen, die Kitas zu verschulen.“ Dem Leistungsdruck dürfe man sich nicht beugen.

    Trotzdem sieht Nicole Mönkediek die starke Tendenz, Kinder schon vor dem dritten Lebensjahr betreuen zu lassen, durchaus positiv und wünscht sich einen weiteren Ausbau. Die bisherigen Erfahrungen mit den U3-Kindern seien jedenfalls recht positiv. Sie seien beim Übergang zu den Ü3-Gruppen „schon sehr selbständig und selbstbewusster“. Problem sei nur, dass sich das nicht jede Familie leisten könne. Vor allem nicht die, für deren Kinder es häufig besonders förderlich wäre. Statt das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei zu stellen, hält Mönkediek es für sinnvoller, das erste kostenlos anzubieten.

    Für eine optimale Förderung von Kindern mit Beeinträchtigungen wünscht sich Nicole Mönkediek eine Heilpädagogin in jeder Einrichtung. Ohnehin seien inzwischen fast alle Kitas inklusiv und da wäre diese Unterstützung wichtig. Auch hier stellen sich zusätzliche Anforderungen an die Erzieherinnen. Einige erlernten jetzt die Gebärdensprache, um sich mit Kindern mit Down-Syndrom besser verständigen zu können.

    Es wird nicht die letzte Herausforderung für die kommenden Jahre bleiben. Für die Verbundleiterin zeichnet sich schon ab, dass die Beratung ausgebaut werden muss. Vielen Eltern gelinge es heute nicht mehr, „aus dem Bauch heraus zu erziehen“, sie seien unsicher bei der Frage, was ihr Kind braucht und wie es lernt.

    Und möglicherweise wird sich in wenigen Jahren eine jetzt noch exotisch erscheinende Frage stellen. Was, wenn die Kinderzahl demographisch bedingt und nicht vorübergehend ausgeglichen durch Flüchtlingskinder deutlich sinkt und Gruppenräume leer bleiben? Nicole Mönkediek könnte sich vorstellen, dass sie dann zu „Mehrgenerationenhäusern“ umgestaltet werden und die größere Zahl der Senioren in die Tagespflege kommen. Gespielt, gebastelt und gesungen würde dann weiterhin an gleichem Ort, aber in anderer Weise, aber vielleicht auch zeitweise gemeinsam.