Geschichten

Das Leben im Paradies

Gerne kümmert sich Renate Fink um die vielfältige Tierwelt in St. Bernardin. Worüber sich Hans-Dieter Kitzerow (Mitte) und Thomas Wilmsen freuen.

Wo das Paradies ist? Renate Fink weiß es, denn sie wohnt dort schon seit
54 Jahren. Verlassen will die 61jährige es verständlicherweise nicht. Ihr
Paradies entspricht nicht den landläufigen Vorstellungen, vielleicht auch
nicht unseren und schon gar nicht denen der Politik. St. Bernardin ist
ein wuchtiges altes Backsteingebäude, ursprünglich ein Kloster, neben
dem kleinen Sonsbecker Ortsteil Hamb am Niederrhein. Eine große
„Komplex-Einrichtung“ in der Fachsprache und damit aus den Zeiten
der Inklusion gefallen.
Aber für Renate Fink und 149 ihrer Mitbewohner ist es das Zuhause, der
sichere Rahmen für ihr Leben. Mit sieben Jahren ist sie hier eingezogen,
hat Jahrzehnte in der Wäscherei auf dem Gelände gearbeitet und genießt
jetzt den Ruhestand mit ihrem Hund und all den anderen Tieren, die zu
versorgen sind.
Inklusion, so wie wir sie heute verstehen, scheint das noch nicht zu sein.
Faktisch aber schon, denn sie ist zufrieden in dieser Gemeinschaft, spielt
mit Hamber Bürgern, die sie in der Schwimmgruppe kennengelernt hat,
regelmäßig Mau-Mau, schaut schon mal in Schule und Kita vorbei, fährt
in den Urlaub… „Es ist ein Lernprozess zu akzeptieren, dass der Wille
eines Menschen mit Behinderung möglicherweise nicht den eigenen
Vorstellungen entspricht“, sagt Hans-Dieter Kitzerow, der die Einrichtung
leitet und mit dem Renate Fink mittags gemeinsam isst.
Das neue Bundesteilhabegesetz, dass im Wesentlichen ab 2020 umgesetzt
wird, will mehr Selbständigkeit. Ein eigener Mietvertrag für das
bewohnte Zimmer, selbständige Entscheidungen über Pflegedienst und
Arbeitsplatz. Das ist für Kitzerow sicherlich ein guter Ansatz für viele
Menschen mit Einschränkungen, nicht aber unbedingt für die in Behinderteneinrichtungen
lebenden mit schweren körperlichen und geistigen
Beeinträchtigungen. Ihre Zahl ist vergleichsweise gering, wenige hunderttausend
von insgesamt sieben Millionen bundesweit.
Für sie können die Bemühungen um Inklusion anstrengend werden. Da
müsste es aus Sicht von Thomas Wilmsen, der den Sozialdienst in St.
Bernardin leitet, vor allem darum gehen, Wahlmöglichkeiten zu schaffen.
Also nicht aus ideologischen Überlegungen alle großen Einrichtungen
abschaffen zu wollen, sondern die behinderten Menschen tatsächlich
selbst entscheiden zu lassen, wie sie leben möchten. „Es wird viel zu
wenig darauf geschaut, ob sie zufrieden sind“, sagt Wilmsen.
Sie können, wie Renate Fink, ihren eigenen Weg finden, wenn die
Behindertenhilfe sich weiter entwickelt und neue Möglichkeiten bietet.
Fink erinnert sich gut, wie sie zum ersten Mal fünf Mark selbst in der
Hand hielt. In den Ort zu gehen, selbst einzukaufen, ist heute selbstverständlich.
„Nach und nach habe ich mehr Mut bekommen“, erklärt sie.
Aber das gehe nur in kleinen Schritten.

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Verlorenes neu zusammenknüpfen

Ricarda Ophoven und Tanja Reckers (rechts) knüpfen Verlorenes im Quartier wieder zusammen.

Früher war es eine Bäckerei, dann ein Friseursalon, jetzt wird das eher unscheinbare kleine Ladenlokal zum neuen Zentrum im Moerser Stadtteil Eick-Ost. Was an familiären Strukturen und früher selbstverständlicher Nachbarschaftshilfe verloren gegangen ist, will Ricarda Ophoven für den Caritasverband Moers-Xanten hier mit „Quartiersentwicklung“ wieder zusammen knüpfen. Ihre Kollegin Tanja Reckers arbeitet jenseits von Bahnlinie und Bundesstraße im Rheinkamp daran. Drei Jahre haben sie Zeit, dann sollen nach Auslaufen der Fördermittel stabile ehrenamtliche Strukturen entstanden sein, die das Projekt weiter tragen. Dass sich da viel Engagement entwickeln wird, zeigt sich schon. Aber ganz ohne Begleitung wird es auf Dauer nicht gehen: „Die Erfahrung zeigt, dass es noch jemanden braucht, der den Hut aufhat,“ sagt Tanja Reckers.

Nicht jemanden, der bestimmt, aber der den Überblick behält und organisatorische Unterstützung gibt. Sonst könnten die guten Ansätze wieder verschwinden und die Idee der Geldgeber nicht aufgehen. Ansätze und einzelne Projekte zur Quartiersentwicklung, wenn auch unter anderen Begriffen, hat es in der Vergangenheit schon gegeben. Neu ist aber, dass die Bereitschaft wächst, mehr Projekte und die über einen längeren Zeitraum zu fördern. Teilweise werden sie inzwischen für fünf Jahre bewilligt.

Es steckt auch Sorge dahinter. Für die Politik stellt sich die Frage: Wer soll die wachsende Zahl der älteren Menschen künftig in Altenheimen pflegen und lässt sich das noch finanzieren? Die Quartiersentwicklung soll Strukturen schaffen, damit ein möglichst langes selbständiges Leben in der eigenen Wohnung möglich bleibt. Das hat das Gesundheitsministerium des Landes 2015 motiviert, ein Förderprogramm für ein Quartiersprojekt pro Kreis aufzulegen.

Dafür braucht es keine großen neuen Entwürfe. Es sind die vielen kleinen Dinge, die im Alltag helfen, erleben die Caritas-Mitarbeiterinnen. Es fängt damit an, dass sie die Menschen in ihrem Quartier kennen. „Und auch die Namen der Kinder und Tiere“, sagt Ophoven: „Wir sind Teil des Quartiers“. Damit lassen sich Lösungen für fast alle Anliegen finden, mit denen die Bewohner zunehmend in die Quartierbüros kommen. Hilfreich sind zudem Initiativen, die sich, einmal angestoßen, zunehmend entwickeln. Zwei Ehrenamtliche haben Tanja Reckers beispielsweise regelmäßige Sprechstunden zu Rentenfragen im Quartiersbüro Rheinkamp angeboten. Als Versichertenälteste bringen sie viel Erfahrung ein und sind inzwischen auch in Eick-Ost aktiv.

Sie haben auch ein kleines Projekt angestoßen: „Gut sichtbar mit Rollatoren, Kinderwagen & Co“. Kostenlos wurden Reflektoren und Lampen angeboten und über die Sicherheit im Straßenverkehr informiert, berichtet Reckers. Zusammen mit einem Sanitätshaus sollen demnächst Rollatoren auf ihre Verkehrssicherheit überprüft und gegebenenfalls gleich repariert werden.

Initiiert von Bewohnern bildet sich die Gruppe „Lösungsmittel“, die Hilfe in Wort und Tat anbieten will. Vor allem für Fragen zu Smartphones und Internet aber auch zum Rasenmähen und für Botengänge können Jugendliche der Taschengeldbörse angesprochen werden. Die gibt es schon im dritten Quartiersprojekt des Caritasverbandes in Kamp-Lintfort, demnächst soll in Moers gestartet werden.

Nicht jede Idee trägt und andererseits zünden Ideen manchmal auch besser als erwartet. Auf einem Workshop zum Thema „Was bewegt Sie – was wollen Sie bewegen?“ in Kamp-Lintfort wurde unerwartet sofort ein zweiter Termin vereinbart. Tanja Reckers könnte sich vorstellen, dass sich daraus ein Bürgerstammtisch entwickelt, der gemeinsam mit dem Quartiersbüro Themen aus dem Stadtteil aktiv angeht.

Als nächstes will sie „eine Bank reisen lassen“, auf der sich Bürger an immer wieder neuen Aufstellorten zusammensetzen können. Außerdem wollen Reckers und Ophoven für alle, die mal irgendwo hinfahren möchten und nicht selbst mobil sind, „Mitnehmerbänke“ schaffen. Schilder wollen sie an vorhandenen Sitzbänken aufstellen, die zum Mitnehmen auffordern, wenn dort jemand wartet.

Die beiden Quartiersentwicklerinnen haben nicht nur die älteren Menschen im Blick, sondern alle Altersgruppen. Gerade die 30- bis 50jährigen seien eine wichtige Zielgruppe, sagt Reckers, wenn das Ziel erreicht werden solle, dass Senioren länger selbständig zuhause wohnen bleiben können.

Gerade das mittlere Alter fehlt den Vereinen zunehmend als Nachwuchs. Auch finden sich immer weniger Mitglieder bereit, in Vorständen Verantwortung zu übernehmen. Wobei es noch „eine sehr gute Vereinslandschaft gibt“, sagt Ricarda Ophoven. Da entlasten die Caritas-Mitarbeiterinnen zum Beispiel durch Mithilfe bei der Organisation von Veranstaltungen.

Die Vereine sind Ophoven sehr wichtig, denn ansonsten gibt es in diesem Stadtteil mit einem hohen Anteil älterer Menschen wenig Struktur. Es sei ein schönes Wohngebiet am Rande der Stadt, aber für die Versorgung gebe es nur den „Schiller-Shop“ als Kramladen, einen Imbiss, ein Dentallabor und einen Friseur. Umso wichtiger sei eine intakte Nachbarschaft.

Die zu fördern und auch wieder neu aufzubauen, wird gelingen. Da haben die Quartiersentwicklerinnen keinen Zweifel – nur die Sorge, ob das dauerhaft gelingt, wenn in Projektzeiträumen von drei oder auch mal fünf Jahren gedacht und finanziert wird. Wenn die Politik es ernst meine mit dem möglichst langen Leben im Quartier, müsse sie auch die Mittel dafür bereit stellen. „Mit Ehrenamt allein geht es nicht“, betont Tanja Reckers.

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Bildung ja – aber wie?

Dass eine Tageseinrichtung heute eine Bildungseinrichtung ist, steht für Nicole Mönkediek außer Frage. Entscheidend für die Leiterin des Kita-Verbundes St. Remigius in Borken ist jedoch das Wie. Wobei das nur eine von vielen Fragen ist, die sich heute und für die nächsten Jahre in der Betreuung der Kinder vor der Einschulung stellen. Woher zum Beispiel sollen die Erzieherinnen kommen, wenn immer mehr Stunden gebucht werden und der U3-Bereich weiter wächst? Wo doch jetzt schon kaum noch Fachkräfte zu bekommen sind und sich auch die Suche nach Lehrern für ihre Ausbildung als zunehmend schwierig erweist. Wird das von der neuen Landesregierung erwartete neue Kinderbildungsgesetz das Problem der Unterfinanzierung endlich lösen und damit auch eine qualitätsvolle Betreuung weiterhin ermöglichen?

Auf ruhige Zeiten müssen die Tageseinrichtungen schon seit einer Weile verzichten. Vor allem das erste „KiBiz“ hat 2008 viel Neues auf den Weg gebracht, stellt Mönkediek fest: „Das Thema Bildung ist gestärkt worden, aber es hat dafür keine ausreichende Finanzierung gegeben.“ Zur Ruhe ist die Kita-Landschaft seitdem nicht mehr gekommen. „Neuestes Steckenpferd“ sei die „alltagsintegrierte Sprachbildung“.

Für Nicole Mönkediek ist dies Ausdruck eines generellen Trends: „Immer mehr Verantwortung wird von der Familie an die Kita abgegeben“. Dafür gibt es eine Reihe von Indizien wie die hohen Stundenbuchungen, das unerwartet starke Wachstum des U3-Bereiches und der immer lauter geäußerte Wunsch nach ausgeweiteten und flexiblen Öffnungszeiten. Auch bleiben inzwischen zwei Drittel der Kinder über Mittag in den fünf Kitas, für die Mönkediek verantwortlich ist. „Manche verbringen mehr Zeit mit uns als mit ihren Eltern“, stellt sie fest.

Die Wünsche der Eltern versteht Mönkediek, aber: „Was bedeutet das für die Kinder?“. Für die Träger der Einrichtungen wirft das neue Fragen auf. Mehr Raum werde gebraucht, weil die Kinder mehr Rückzugsmöglichkeiten benötigen. Es geht aber noch mehr: In Hamburg habe schon 2003 das erste „Kinderhotel“ eröffnet, in dem auch Zeiten am Wochenende gebucht werden könnten.
Künftig häufiger Öffnungszeiten schon ab 6.30 Uhr und bis 20 Uhr für berufstätige Eltern anzubieten, kann Nicole Mönkediek sich vorstellen. Die erste „KitaPlus“ eines anderen Trägers gibt es schon in Borken. „Wir sind eine Leistungsgesellschaft“, gibt sie sich keinen Illusionen hin. Der Zwang zur Flexibilität, die die Wirtschaft Familien und Kitas abverlangt, hat jedoch Folgen und nicht nur für die Kinder, die sich von Anfang an anpassen müssen. „Es gibt keine festen Zeiten mehr für unsere Mitarbeiterinnen und keine gemeinsamen Mittagszeiten für den Austausch untereinander“, erläutert Mönkediek. Das Mehr an Stress dadurch und die ständig wachsenden Anforderungen ohne personellen Ausgleich äußern sich in hohen Krankenständen.

Selbst wenn die Finanzierung es zuließe, könnten allerdings kaum weitere Erzieherinnen eingestellt werden. Weil es sie einfach nicht mehr gibt. Die Attraktivität des Berufs zu steigern, ist für Mönkediek deshalb eine Zukunftsaufgabe. Gleichzeitig müssen familienfreundliche Arbeitszeitmodelle entwickelt und in den Gesundheitsschutz investiert werden. In ihren Einrichtungen hockt keine Erzieherin auf einem Kinderstühlchen, sondern jede hat einen eigenen, rückenschonenden Stuhl.

Um den Anforderungen auch künftig gewachsen zu sein, muss zudem in Fortbildungen investiert werden. Da Bildung einen immer höheren Stellenwert einnimmt, denkt Mönkediek dabei auch an gemeinsame Weiterbildungen mit Grundschullehrern. Wissen könnte ausgetauscht werden. Sie kenne Rektoren, die an mehr Kenntnissen in Elementarpädagogik interessiert wären. Aber: „Wir müssen uns davor schützen, die Kitas zu verschulen.“ Dem Leistungsdruck dürfe man sich nicht beugen.

Trotzdem sieht Nicole Mönkediek die starke Tendenz, Kinder schon vor dem dritten Lebensjahr betreuen zu lassen, durchaus positiv und wünscht sich einen weiteren Ausbau. Die bisherigen Erfahrungen mit den U3-Kindern seien jedenfalls recht positiv. Sie seien beim Übergang zu den Ü3-Gruppen „schon sehr selbständig und selbstbewusster“. Problem sei nur, dass sich das nicht jede Familie leisten könne. Vor allem nicht die, für deren Kinder es häufig besonders förderlich wäre. Statt das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei zu stellen, hält Mönkediek es für sinnvoller, das erste kostenlos anzubieten.

Für eine optimale Förderung von Kindern mit Beeinträchtigungen wünscht sich Nicole Mönkediek eine Heilpädagogin in jeder Einrichtung. Ohnehin seien inzwischen fast alle Kitas inklusiv und da wäre diese Unterstützung wichtig. Auch hier stellen sich zusätzliche Anforderungen an die Erzieherinnen. Einige erlernten jetzt die Gebärdensprache, um sich mit Kindern mit Down-Syndrom besser verständigen zu können.

Es wird nicht die letzte Herausforderung für die kommenden Jahre bleiben. Für die Verbundleiterin zeichnet sich schon ab, dass die Beratung ausgebaut werden muss. Vielen Eltern gelinge es heute nicht mehr, „aus dem Bauch heraus zu erziehen“, sie seien unsicher bei der Frage, was ihr Kind braucht und wie es lernt.

Und möglicherweise wird sich in wenigen Jahren eine jetzt noch exotisch erscheinende Frage stellen. Was, wenn die Kinderzahl demographisch bedingt und nicht vorübergehend ausgeglichen durch Flüchtlingskinder deutlich sinkt und Gruppenräume leer bleiben? Nicole Mönkediek könnte sich vorstellen, dass sie dann zu „Mehrgenerationenhäusern“ umgestaltet werden und die größere Zahl der Senioren in die Tagespflege kommen. Gespielt, gebastelt und gesungen würde dann weiterhin an gleichem Ort, aber in anderer Weise, aber vielleicht auch zeitweise gemeinsam.

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Weit mehr ist möglich – aber sinnvoll?

Technisch ist noch viel mehr möglich. Selbst den möglichen Rückfall eines trockenen Alkoholikers könnten Algorithmen aus Meldungen von Sensoren im Zusammenspiel mit biographischen Daten errechnen. Aber der Fortschritt beschränkt sich in Wohnen in Pastors Garten erst einmal auf Sensormatten in den Betten und Türkontakte. Und die gibt es auch nur in einigen Zimmern der vor fünf Jahren neu erbauten Senioreneinrichtung im münsterschen Stadtteil Roxel. Trotzdem befindet sich das Stift Tilbeck als Träger damit noch bundesweit an der Spitze des Technikeinsatzes in Altenhilfe-Einrichtungen.

Aber Technik um jeden Preis will Hausleiter Thorsten Kloster nicht und schon gar keine Rundum-Überwachung. Auch wenn dafür alles, was dafür notwendig wäre, schon entwickelt und auf dem Markt ist. Dabei ist er für Fortschritt durchaus offen. Roboter, sagt Kloster, „werden nie den Menschen in der Pflege ersetzen“. Sie als Unterstützung der Pflegemitarbeiter einzusetzen, könne er sich dagegen gut vorstellen, zum Beispiel bei Transfers. Vielleicht lasse sich ein durch Schlaganfall körperlich eingeschränkter Mensch, der geistig noch voll fit sei, auch lieber durch eine Maschine beim Duschen unterstützen als durch einen fremden Menschen.

Heinz Höhne und Marcus Hopp sind begeisterte Technik-Tüftler und haben das System in Wohnen in Pastors Garten installiert. Sie probieren hier aus und demonstrieren, was der Integrationsbetrieb Varia des Stift Tilbeck anbieten könnte, um pflegebedürftigen Menschen zuhause länger ein selbständiges Wohnen zu ermöglichen oder eben die Pflegemitarbeiter im Altenheim zu unterstützen. Aber auch sie sind überzeugt, dass „Technik nicht die Dienstleistung ersetzen soll“. Wichtig sei es, sich hier auch mit ethischen Leitbildern auseinanderzusetzen.

Es gibt schon Komplettsysteme auf dem Markt, erläutert Hopp. Aber bisher arbeite nur die Varia mit Einzelkomponenten. Das Prinzip ist schnell erklärt. Im ganzen Haus ist ein Funksystem installiert. Darauf können einzelne Sensoren aufgeschaltet werden, individuell darauf abgestimmt, was der einzelne Bewohner benötigt. Könnte er aus dem Bett fallen, meldet dies eben die Sensormatte in wenigen Sekunden an den Nachtdienst. Zwar werden auch Niedrigbetten eingesetzt, um Sturzfolgen zu vermeiden, aber der alte Mensch könnte auskühlen, wenn es nicht schnell bemerkt wird.

Ebenso hilfreich ist der Türkontakt bei dementiell verwirrten Bewohnern, wenn sie sich nachts auf den Weg machen. Den Nachtdienst entlastet dies auf seinen regelmäßigen Kontrollgängen. Das System ist auch nur von 21 bis 6 Uhr scharf geschaltet.

In Privathaushalten wird bei Bedarf mehr Technik eingesetzt, ein Herdsensor zum Beispiel, der bemerkt, wenn eine Herdplatte versehentlich nicht ausgeschaltet wird. Oder ein Bewegungssensor, der Alarm schlägt, wenn es zu bestimmten Zeiten und über eine bestimmte Zeit keine Bewegung gibt. Was notwendig und sinnvoll ist, „muss klar mit den Bewohnern und Angehörigen besprochen werden,“ sagt Marcus Hopp.

Auch wenn nur die absolut notwendige Technik eingesetzt wird, kann sie helfen, Fixierungen zu vermeiden. In Pastors Garten wird nach dem Prinzip der „Nullfixierung“ gearbeitet. Damit ist allerdings auch klar, sagt Thorsten Kloster, „dass das normale Lebensrisiko Sturz bleibt“.

Um dies weiter zu verringern, tüfteln Höhe und Hopp derzeit an einer Rollstuhlmatte. Weitere Ideen gibt es, da ist auf dem Pflegemarkt noch mehr zu erwarten. Aber sie wollen nicht Technik um der Technik willen einsetzen.

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Gemeinsam stärker in die Zukunft

Einfach weiter so? Das war nie die Option für die Caritas- und Fachverbände vor Ort. Und bei dem, was sich aktuell über den Köpfen der Vorstände und Geschäftsführungen für die nächsten Jahre zusammen braut, erst recht nicht. Es braucht eine gute Strategie, mehr Geld für die Steuerung und vor allem auch mehr Zusammenarbeit. Davon ist Johannes Böcker, Vorstand des Kreiscaritasverbandes Coesfeld, überzeugt.

Konkretes und deshalb gut nachvollziehbares Beispiel ist die Digitalisierung. Das direkte Gespräch mit Ratsuchenden wird sich nicht ersetzen lassen. Aber alles was dahinter steht, erzeugt einen rasant wachsenden Datenberg, der nicht zuletzt auch geschützt werden muss. Um das verantwortungsvoll leisten zu können, „braucht es eine gewisse Größenordnung“, ist Böcker klar. Künftig wollen die Coesfelder das im Verbund mit einem weiteren Caritasverband angehen. Die Entwicklung wird hier weiter gehen, weitere Prozesse digital werden.

Frage ist dabei, „welche Prozesse können digitalisiert werden, ohne dass die Arbeit leidet?“ Nicht nur hier braucht es nach Meinung von Boecker eine gute Strategie. Dahinter steht auch die Frage, „welche Größe braucht ein Verband?“ In der Verwaltung „müssen wir näher zusammenrücken, aber die Dienste weiter vor Ort vorhalten“, ist sein Vorschlag. Diese Mischung aus dezentralen Unterstützungsangeboten und zentraler Steuerung sei eine große Herausforderung für die nächsten Jahre.

Um die zu stemmen, braucht es seiner Ansicht nach mehr Geld und entsprechend sollten die Zuschüsse aus Kirchensteuermittel sich nicht nur an den Diensten orientieren, sondern auch zur Strategieentwicklung und Steuerung eingesetzt werden. Gelinge das, erwartet er einen „Entwicklungsschub“. Es könnten beispielsweise Führungs- und Unterstützungsprozesse entwickelt werden, die auf praktisch alle Verbände übertragen werden könnten und nur individuell angepasst werden müssten. Auch hier müsse das Rad nicht ständig neu erfunden werden.

Die Coesfelder haben über mehrere Jahre „Strategische Perspektiven“ entwickelt mit 15 Feldern und 37 dahinter liegenden Zielen, für die jeweils konkrete Maßnahmen benannt werden. Ein Kraftakt, so Boecker, aber ein gutes Gerüst für den Wandel an vielen Stellen, das die Arbeit anschließend erleichtere.

Beispielsweise für die sich ändernde Landschaft der ambulanten Pflege. Das neue Bundesteilhabegesetz und auch die Pflegestärkungsgesetze mischen die Karten neu. Mehr ambulante Dienste und auch mehr innerkirchlicher Wettbewerb erwartet der Caritas-Vorstand. Genau hier brauche es eine Strategie, die allerdings nicht statisch sein könne. Ständige Überprüfungen seien deshalb notwendig.

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Aufbruch zu Neuem

Zentrale Begriffe in der Diskussion müssen tabu sein: „Ja, aber“ oder „Geht nicht“ blockieren Ideen für die Zukunft. Lena Dirksmeier will als Geschäftsführerin der Caritas-Konferenzen Deutschland (CKD) in der Diözese Münster keine „Trauerbegleitung“ für dahinschwindende Pfarrcaritasgruppen leisten, sondern den „Aufbruch zu Neuem“ gestalten. Sicher werde es auch 2025 die ehrenamtliche Caritas geben – „aber nicht unbedingt in gewohnten Strukturen“.

Natürlich sei es nicht leicht, lang gehegte Traditionen aufzugeben. Eine klassische Aufgabe sei zum Beispiel der Besuchsdienst im Krankenhaus. Bei immer kürzerer Verweildauer und immer weniger möglicher Unterstützung durch Angehörige sei aber zu überlegen, ob nicht eine Unterstützung zuhause nach der Entlassung notwendiger sei.
Vor allem aber müsse sich das Bewusstsein ändern. Ein Ehrenamt in der Caritas vor Ort müsse nicht „lebenslänglich“ bedeuten und immer an der gleichen Stelle. „Wir müssen uns auch erlauben, die Arbeit zu beenden“, sagt Dirksmeier. Einfach mal ein halbes Jahr im Kleiderladen mitarbeiten, dann Pause machen und später, wenn es passt, in die Begleitung geflüchteter Menschen einsteigen.

Ungeliebt seien insbesondere Vorstandsämter und die damit verbundenen administrativen Aufgaben. „Es gibt Menschen, die sich durchaus engagieren wollen, aber nichts mit Vorstandsarbeit zu tun haben wollen“, so Dirksmeier. Viele Gruppen hätten entsprechend Schwierigkeiten, Vorsitzende, Kassiererinnen oder Schriftführerinnen zu finden. Auch hier brauche es neue Formen, die manche mit Sprecherteams schon gefunden hätten. Es stelle sich die Frage, ob für die Arbeit tatsächlich immer diese Vereinsstrukturen notwendig seien und es nicht andere Möglichkeiten der Koordination gebe.

Vor einigen Jahren haben sich die Caritas-Konferenzen ein neues Erscheinungsbild gegeben mit einem Untertitel: „Netzwerk der Ehrenamtlichen“. Das muss gelebt werden, betont Dirksmeier. An Aufgaben mangele es dafür nicht: „Die Themen liegen auf der Straße“. Chance der CKD sei dabei, „dass wir auf das DU ausgerichtet sind und nicht um uns selbst kümmern müssen“, sagt die Geschäftsführerin: „Wir fragen die Menschen, was braucht ihr?“

Den Ehrenamtlichen selbst müsse dabei die Frage gestellt werden „Woran hast Du Lust?“ oder umgekehrt „Was hindert Dich aktiv zu werden?“ Ein neuer Blick auf das klassische Ehrenamt ist gefragt, den youngcaritas in jugendlich zugespitzter Form lebt. Jugendliche und junge Erwachsene bilden eine lockere Gemeinschaft und finden sich immer wieder neu zu kreativen Aktionen zusammen. Das wäre für die CKD vielleicht nicht passend, aber kann Hinweise auf eine sinnvolle Entwicklung für die Zukunft geben.

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Bessere Karten für die Vermittlung

Auch das exakte Feilen lernen gehört zur Ausbildung im Rahmen der Bildungsrahmenpläne.

Was passiert eigentlich so in der „Teppichetage“ und warum sollte man darauf hören, was dort beschlossen und verkündet wird? Wichtige Fragen, die Marcus Westrup seinen Schülern in kleinen Schritten, mit lebenspraktischen Beispielen und Humor erklärt. Was jeder Berufsschüler sich im Schnelldurchgang aneignen muss, erfordert im Berufsbildungsbereich der Caritas Wohn- und Werkstätten Niederrhein (CWWN) etwas mehr Zeit und Geduld. Auch wenn es keine Ausbildung ist sondern eine Qualifizierung auf einfacherem Niveau, ist damit ein wichtiger Schritt zur geforderten Inklusion getan. Die Beschäftigen haben deutlich bessere Karten, falls eine Vermittlung auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz ansteht. Und sie sind für höherwertige Tätigkeiten in der Werkstatt gerüstet.

Für eine ganze Palette von Ausbildungsberufen hat sich Yvonne Evers die Bildungsrahmenpläne aus der freien Wirtschaft vorgenommen und sie mit ihren Kollegen in der Werkstatt an die Bedingungen für Menschen mit Behinderungen angepasst. Die jungen Erwachsenen können sich qualifizieren zum Buchbinder oder Gärtner, sich in der Hauswirtschaft weiterbilden oder zum Metallbauer (Konstruktionstechnik) mehr lernen. Die Inhalte sind gegenüber den Ausbildungsplänen auf dem ersten Arbeitsmarkt reduziert. Für die einzelnen Schritte braucht es teilweise Abbildungen und Piktogramme statt textlicher Beschreibungen.

Natürlich fehlt nicht der praktische Teil und in der Ausbildung zum Tischler das klassische Bild des Feilens. Schließlich muss gelernt werden, in welchem Winkel sie angesetzt und mit wieviel Druck eingesetzt werden muss. Das zeigt Marcus Westrup nach dem theoretischen Teil in der Holztechnik in einer anderen Ecke des großen Werkraums. Die CWWN sind bundesweit Vorreiter im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BAG WfBM). In der Region haben sich dazu fünf Werkstätten zusammengetan im Netzwerk Berufliche Inklusion Niederrhein (BIN). Der Aufwand ist enorm und Yvonne Evers deswegen froh, „dass wir das Rad nicht immer neu erfinden müssen“. Über 100 Module sind in den Plänen hinterlegt, die durchaus mal über 70 Seiten umfassen. Aber manches wie der organisatorische Aufbau einer Firma oder Regeln zur Arbeitssicherheit können vielfach verwandt werden. Acht Bildungsrahmenpläne liegen inzwischen vor, an der Qualifizierung zum Koch wird gerade gearbeitet. Es sind Arbeitsfelder, die auch in den Behindertenwerkstätten angeboten werden. Das Bild vom klassischen Zählen und Verpacken von Schrauben passt da schon lange nicht mehr. Komplexe Aufträge werden abgewickelt und die Beschäftigten entsprechend ihren Möglichkeiten eingesetzt und gefördert.

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