Interview

„Innovativ und zugewandt“

Herr Dr. Goedereis, Medizin ist Fachwissen und nicht kirchlich. Wozu braucht es eigentlich noch katholische Krankenhäuser?
Goedereis: Christliche Krankenhäuser braucht es sowohl jetzt als auch in Zukunft. Sie haben einen maßgeblichen Anteil an der stationären Gesundheitsversorgung in Deutschland, sie decken fachlich das komplette Spektrum ab – bis hin zur Spitzenversorgung – und sie treten als Orte hervor, an denen Innovationen fachlich und menschlich initiiert und weiterentwickelt werden. Die Hospiz- und Palliativversorgung ist zum Beispiel maßgeblich in kirchlichen Krankenhäusern entstanden wie auch das Konzept der „Primären Pflege“, bei dem der Patient eine feste Bezugsperson in der Pflege hat. Kirchliche Krankenhäuser sind vielfach weit vorn, auch wenn sie das nicht immer plakativ kommunizieren.
Abgesehen von Fragen der Fachlichkeit ist die Zuwendung zu Kranken ein urchristlicher Auftrag, der sich direkt aus dem Evangelium ableitet. Die Gesundheitsversorgung in ihrer heutigen Form geht auf christliche Ideen zurück und wäre ohne diese gar nicht denkbar. Wir freuen uns, dass Papst Franziskus sich deutlich zu den kirchlichen Trägern bekennt und sie in ihrem Engagement ermutigt.

Wie sichern Sie den kirchlichen Mehrwert in ihren Kliniken?
Goedereis: Mit Sakramenten und Liturgie allein ist das heute nicht mehr zu machen. Es ist vor allem eine Haltung der Mitarbeiter den Patienten gegenüber. Es ist Aufgabe der Träger, in dieser Hinsicht zu sensibilisieren und zu fördern, weiterzubilden und Freiräume zu schaffen. Christliche Profilbildung bedarf eines organisatorischen Rahmens mit unterschiedlichen Konzepten und Ideen, um den kirchlichen oder besser christlichen Mehrwert bei Patienten und Mitarbeitern spürbar werden zu lassen.

Private Träger müssen Gewinne erzielen. Können Sie darauf verzichten?
Goedereis: Gewinn und Rendite sind nicht unchristlich. Und effizient zu arbeiten ist dann sehr christlich, wenn man die dadurch gewonnene Zeit für Zuwendung nutzt. Wir müssen unter den aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen auch Gewinn machen, um investieren zu können und wettbewerbsfähig zu bleiben. Bei kirchlichen Trägern wird kein Geld z.B. an Anteilseigner ausgeschüttet, sondern Überschüsse werden zu 100 Prozent reinvestiert. Damit kommen sie den Patienten in vollem Umfang wieder zugute.

Um die Kosten zu senken, drängen Politik und Krankenkassen auf Bettenabbau und Schließung kleiner Häuser. Wo ist die Grenze?
Goedereis: Bei aller Tendenz zur Zentralisierung und Größe müssen wir beispielsweise die Menschen in ländlichen Regionen im Blick behalten. Dazu brauchen wir verstärkt regionale Versorgungsnetzwerke. Mehrere Kliniken schließen sich zusammen, alle bieten eine vernünftige Grundversorgung an, spezialisieren sich aber in abgestimmten Bereichen. Das heißt natürlich, dass nicht mehr alles vor Ort behandelt werden kann. Das Wissen und Können der Experten steht dann aber allen zur Verfügung, was auch durch neue Möglichkeiten der Telemedizin und Teleradiologie unterstützt wird. Auch wenn der Trend zur Spezialisierung in Zukunft noch weiter zunehmen wird, müssen wir gerade ältere und mehrfacherkrankte Patienten im Blick haben, die einen umfassenden, ganzheitlichen Behandlungs- und Betreuungsansatz benötigen.

Problem bleibt danach, wie werden die Patienten versorgt, wenn die Verweildauer im Krankenhaus immer weiter abgesenkt wird?
Goedereis: Verkürzte Verweildauern sind gesundheitspolitisch gewollt und ganz bewusst eingeleitet worden. Hinzu kommt ja noch, dass immer mehr Menschen keine Angehörigen in der Nähe haben, die die weitere Pflege übernehmen könnten. Wir werden erweiterte Formen der Überleitung in den ambulanten Bereich benötigen sowie neue Konzepte in den Bereichen Pflege, Wohnen und Betreuung. Da sehe ich uns im katholischen Verbund der Caritas mit unseren leistungsfähigen Netzwerken grundsätzlich gut aufgestellt. Die Angebote sind alle vorhanden, wir müssen sie noch stärker miteinander verknüpfen.

Was heute medizinisch möglich ist, hätte man vor wenigen Jahren noch nicht zu träumen gewagt. Kann es so weiter gehen und können wir alles Machbare finanzieren?
Goedereis: Die Entwicklung in der Medizin verläuft tatsächlich exponentiell. Heute können wir beispielsweise bei sehr alten Patienten komplexe Operationen durchführen und ihre Lebensqualität wiederherstellen oder deutlich verbessern. Über die Frage, welche finanziellen Ressourcen für das Gesundheitswesen zur Verfügung stehen sollen, ist eine gesellschaftliche Debatte mit einer politischen Entscheidung erforderlich.
Im Krankenhausalltag nehmen wir den einzelnen Patienten in den Blick, um in ethischen Zweifelsfragen die richtigen Lösungen zu finden bzw. auszutarieren – immer orientiert an der Frage, was das Beste für den Patienten ist. Dies geschieht im Dialog, z.B. im Rahmen einer „Ethischen Fallbesprechung“, bei der Betroffene, Angehörige und Fachleute Behandlungsmöglichkeiten gemeinsam erörtern. Ethische Fallbesprechungen sind inzwischen allgemein verbreitet. Maßgeblich entwickelt wurden sie übrigens in kirchlichen Häusern.

Dr. Klaus Goedereis ist Vorstandsvorsitzender der St. Franziskus-Stiftung Münster. Zur Stiftung gehören 14 Krankenhäuser mit fast 4.000 Betten, Einrichtungen der Senioren- und Behindertenhilfe sowie Rehabilitation, ambulante Dienste, Facharztzentren und zwei Hospize. Auf Bistumsebene ist Goedereis Vorsitzender der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft Krankenhäuser.

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„Nur ein Reförmchen“

Norbert Pastoors

Interview mit Norbert Pastoors

Herr Pastoors, wenn die Zahl der Kinder sinkt, müsste es doch für die Jugendhilfe weniger zu tun geben?
Pastoors: Nein, es gibt keine „Demographie-Dividende“, tatsächlich steigen die Fallzahlen weiterhin. Das hat natürlich mit den Veränderungen in den Lebenswelten der Familien zu tun. Sie  brauchen mehr Unterstützung.

Politik und Kostenträger klagen über hohe Kosten und möchten sparen. Haben Sie deshalb eine Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes angestoßen?
Pastoors: In der zur Zeit vorliegenden Form ist das nur ein Reförmchen. Aber die Kostenfrage steckt wohl dahinter. Dazu hat sich das gesellschaftliche Verständnis verändert. Bislang ging es in der Jugendhilfe um gesellschaftliche Verantwortung, was sich zum Beispiel im Aufbau der Frühen Hilfen ausgedrückt hat. Jetzt wird das eher hinterfragt.

Was müssen wir tun?
Pastoors: Wir müssen stärker als bisher die Zusammenhänge aufzeigen. Und wir müssen uns stärker mit der Wirksamkeit unserer Hilfen auseinandersetzen. Es ist schon in Ordnung, wenn wir hinterfragt werden. Nur Besitzstände zu verteidigen reicht nicht. Die Welt verändert sich und wir müssen uns mit ihr verändern.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Pastoors: Heimunterbringung war vor nicht allzu langer Zeit noch häufig das Mittel der Wahl. Heute ist sie nur ein Baustein von vielen in der Jugendhilfe und wird in aller Regel nur eingesetzt, wenn andere Hilfen nicht mehr greifen und dann auch nur vorübergehend. Künftig müssen wir uns mit der Gesundheitshilfe verzahnen und verstärkt die Kooperation mit den Schulen suchen.

Warum hier eine stärkere Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe?
Pastoors: Wir erleben eine dramatische Abnahme von Bewegungsfähigkeit. Beweglichkeit ist aber für Kinder und Jugendliche insgesamt für ihre Entwicklung wichtig, auch für die geistige und seelische. Bislang stellt der Kinderarzt nur fest, dass ein Kind zu dick ist, aber es fehlt die konkrete Idee, was dann zu machen wäre. Es kann nicht bei den getrennten Säulen Jugendhilfe und Gesundheitshilfe bleiben.

Was ist Aufgabe der Jugendhilfe in der Schule?
Pastoors: Wir sehen, dass durch die Auflösung der Förderschulen im Zuge der Inklusion immer mehr Einzelfallbetreuung notwendig wird. Aber soll die Lösung sein, dass jedes dritte Kind einen Schulbegleiter bekommt, zumal der nachmittags in der OGS nicht mehr dabei ist? Da müssen wir zusammen mit den Schulen andere Ideen entwickeln.

Muss das Land die dafür notwendigen Voraussetzungen noch schaffen?
Pastoors: Ein gemeinsames Verständnis von Schule und Jugendhilfe gelingt auf kommunaler Ebene am besten. Hindernis ist dabei, dass unsere Struktur mit 186 Jugendämtern im Land zu kleinteilig ist. Und sie sind ohnehin schon unterfinanziert und überlastet.

Sehen Sie weitere Aufgabenfelder, die in Zukunft angegangen werden müssen?
Pastoors: Auch die Stadtentwicklung nimmt Einfluss auf die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Da gibt es bislang ebenso keine Verknüpfung. Wir haben zum Beispiel das Problem, das junge Menschen ausziehen wollen, aber keine Wohnung finden, zumindest keine bezahlbare.

Hätten Sie eine Lösungsidee?
Pastoors: Ohne ins Detail gehen zu wollen hätte ich eine generelle. Die hört sich schon etwas abgegriffen an, aber wenn sich alle dran hielten, könnten wir zu guten Lösungen kommen: Vom Kind aus denken.

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„Es gibt nicht den Jugendlichen“

Kerstin Stegemann

Interview mit Kerstin Stegemann

Frau Stegemann, was bewegt Jugendliche heute?
Stegemann: Es gibt nicht den Jugendlichen. Aber man kann sagen, dass die meisten ein hohes Interesse am Thema „Soziale Gerechtigkeit“ haben. Das sehen wir aktuell vor allem auch beim Thema Flüchtlinge.

Lassen sich junge Menschen durch Kirche heute noch bewegen?
Stegemann: Sie haben heute einen anderen Zugang. Wichtig ist aber, dass sie die Werte nach wie vor teilen und sich mit den Inhalten identifizieren können. Jugendarbeit der Kirche bleibt vor Ort wichtig, wir sehen das an den Mitgliederzahlen. Die bleiben stabil.

Wie sieht junges Engagement aus?
Stegemann: Jugendliche wollen keinen riesigen Aufgabenkatalog, den sie abarbeiten. Aber klar abgegrenzt geht gut. Dann machen sie einfach mal und probieren auch aus. In der Regel ist da viel  gesunder Menschenverstand dabei, da muss man sich keine Sorgen machen.

Haben die Jugendlichen in ihrem Engagement Wünsche an uns in der Caritas?
Stegemann: Die Themen sollten klar benannt werden. Ansonsten haben sie schon ein gutes Verständnis für andere und wissen ziemlich gut, was gebraucht wird.

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„Es ist nicht immer spannungsfrei“

Dechant Lenfers

Interview mit Dechant Peter Lenfers

Herr Dechant Lenfers, wieviel Caritas gehört für Sie zur katholischen Kirche?
Lenfers: Caritas ist ein ebenso wesentlicher Glaubensvollzug von Kirche wie Liturgie und Verkündigung. In meiner Ausbildung kam sie allerdings fast nicht vor. Das ist mir deutlich geworden beim Schreiben meiner Diplomarbeit zum Thema „Evangelisierung“, bei dem mir zum ersten Mal die „Diakonie als vergessene Dimension der Pastoraltheologie“ ins Auge sprang. Im Bewusstsein Vieler ist das lange im Hintergrund auseinander gedriftet.

Wie erleben Sie das Verhältnis von Caritas und Pastoral zueinander vor Ort?
Lenfers: Es ist nicht immer spannungsfrei, manche sehen die Caritasverbände als „Sozialkonzern“. Aber ohne fachliche Spezialisierung geht es – unabhängig von den Ehrenamtlichen in der Gemeinde – nicht mehr. Über die Professionalität der Mitarbeitenden in unserem Caritasverband im Kreis Warendorf mit seinen zahlreichen Einrichtungen kann ich nur froh sein.

Und wenn es Interessensgegensätze gibt?
Lenfers: Dann müssen wir die diskutieren. Es ist gut, wenn deutlich wird, dass Caritas – auch auf der Ebene der Verbände, aber eben nicht nur dort! – ein Ausdruck gelebter Nächstenliebe ist. In meiner Verankerung als Theologe ist klar, dass das zusammen gehört.

Der Caritas wird teilweise mangelnde Spiritualität unterstellt. Wie erleben Sie das in ihren Bezügen zur Caritas – auch als Mitglied im Caritasrat des Caritasverbandes im Kreisdekanat Warendorf?
Lenfers: Die Spiritualität von Caritas erweist sich für mich zuallererst im praktischen Vollzug, theologisch ausgedrückt: in der „Orthopraxie“. Über die häufig eingeforderte Kirchlichkeit der Mitarbeitenden in den Verbänden wird kontrovers diskutiert, manchmal allerdings auch wie bei einem „Schattenboxen“. Im Zweifel ist mir Fachlichkeit auch wichtiger als Frömmigkeit. Wichtig ist die Haltung, die hinter dem Tun steht. Dann kann man fragen, was in den Verbänden dafür getan werden kann, Spiritualität zu fördern, z.B. durch entsprechende Unterstützung und Angebot an die Mitarbeiterschaft.

Die Kirchen leeren sich und als Institution verliert sie an Einfluss. Wird Kirche den Menschen in Zukunft noch etwas zu sagen haben?
Lenfers: Allen Unkenrufen zum Trotz haben wir noch viel beizutragen zur Bindefähigkeit der Gesellschaft. Viele Menschen engagieren sich in kirchlichen Strukturen und in der Betreuung von Flüchtlingen sind in jüngster Vergangenheit viele neu hinzugekommen. Keine Frage, die Luft für Kirche wird dünner. Aber wenn wir uns den Menschen mehr erklären müssen, ist das okay.

Das ist in der Tat eine Frage: Nehmen die Menschen das viele Gute, was Kirche und Caritas leisten, überhaupt wahr?
Lenfers: Sicherlich nicht in dem Maße, wie wir es uns wünschen würden. Caritative Angebote wie Beratungsstellen z.B. werden in Anspruch genommen, ohne dass immer auch wahrgenommen wird, dass Kirche dahinter steht. Wir können darüber nicht genug reden. Wir müssen zeigen, dass die Caritas unter dem Dach der katholischen Kirche im christlichen Auftrag unterwegs ist.

Was in Zeiten der Fusionen nicht einfacher wird. Auch in Warendorf sind drei Kirchengemeinden zu einer neuen Pfarrei zusammengewachsen. Wo findet sich die Caritas im Leben der neuen Pfarrei?
Lenfers: Die verschiedenen ehrenamtlichen caritativen Dienste und Gruppen unserer Pfarrei haben sich zu einer „Caritaskonferenz“ zusammengeschlossen, um die gemeinsamen Anliegen zu koordinieren und voranzubringen. Zudem sind dort Personen aus dem Pfarreirat vertreten. Im Leitbild unserer Pfarrei findet sich Caritas z.B. wieder, wenn dort ausgesagt ist, dass wir aufmerksam sind für die Nöte der Menschen. Entscheidend sind aber nicht die Worte, sondern wie die Leitsätze in den Alltag umgesetzt werden. Da werden auch gemeinsame Aktionen geplant wie der Caritas-Sonntag oder ein Fest der Kulturen.

Pfarrcaritas-Gruppen haben lange Traditionen, neue Strukturen fusionierter Gemeinden treffen da nicht immer auf Begeisterung.
Lenfers: Wir haben mit Begleitung der Gemeindecaritas des Caritasverbandes behutsam versucht, ein Mindestmaß an Gleichklang in die ehrenamtliche Arbeit einzuführen, ohne die Ehrenamtlichen vor den Kopf zu stoßen. Und wir haben dafür geworben, Neues zu beginnen.

Wie sehen Sie die Zukunft der ehrenamtlichen Caritas-Arbeit?
Lenfers: Wir brauchen sie weiterhin und wir brauchen auch die Mittel dafür. Für die Sammlungen, die ohnehin nicht mehr flächendeckend möglich sind, müssen wir uns neue Formen überlegen. Selbst die Verteilung von Überweisungsträgern als Ersatz für das Sammeln von Tür zu Tür ist schon wieder veraltet. Das wird künftig nicht einfacher werden. Zugleich erlebe ich aber auch, dass nach wie vor Menschen auf konkrete, auch caritative Aufgaben, ansprechbar sind.

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