„Nur ein Reförmchen“

    Norbert Pastoors

    Interview mit Norbert Pastoors

    Herr Pastoors, wenn die Zahl der Kinder sinkt, müsste es doch für die Jugendhilfe weniger zu tun geben?
    Pastoors: Nein, es gibt keine „Demographie-Dividende“, tatsächlich steigen die Fallzahlen weiterhin. Das hat natürlich mit den Veränderungen in den Lebenswelten der Familien zu tun. Sie  brauchen mehr Unterstützung.

    Politik und Kostenträger klagen über hohe Kosten und möchten sparen. Haben Sie deshalb eine Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes angestoßen?
    Pastoors: In der zur Zeit vorliegenden Form ist das nur ein Reförmchen. Aber die Kostenfrage steckt wohl dahinter. Dazu hat sich das gesellschaftliche Verständnis verändert. Bislang ging es in der Jugendhilfe um gesellschaftliche Verantwortung, was sich zum Beispiel im Aufbau der Frühen Hilfen ausgedrückt hat. Jetzt wird das eher hinterfragt.

    Was müssen wir tun?
    Pastoors: Wir müssen stärker als bisher die Zusammenhänge aufzeigen. Und wir müssen uns stärker mit der Wirksamkeit unserer Hilfen auseinandersetzen. Es ist schon in Ordnung, wenn wir hinterfragt werden. Nur Besitzstände zu verteidigen reicht nicht. Die Welt verändert sich und wir müssen uns mit ihr verändern.

    Können Sie ein Beispiel nennen?
    Pastoors: Heimunterbringung war vor nicht allzu langer Zeit noch häufig das Mittel der Wahl. Heute ist sie nur ein Baustein von vielen in der Jugendhilfe und wird in aller Regel nur eingesetzt, wenn andere Hilfen nicht mehr greifen und dann auch nur vorübergehend. Künftig müssen wir uns mit der Gesundheitshilfe verzahnen und verstärkt die Kooperation mit den Schulen suchen.

    Warum hier eine stärkere Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe?
    Pastoors: Wir erleben eine dramatische Abnahme von Bewegungsfähigkeit. Beweglichkeit ist aber für Kinder und Jugendliche insgesamt für ihre Entwicklung wichtig, auch für die geistige und seelische. Bislang stellt der Kinderarzt nur fest, dass ein Kind zu dick ist, aber es fehlt die konkrete Idee, was dann zu machen wäre. Es kann nicht bei den getrennten Säulen Jugendhilfe und Gesundheitshilfe bleiben.

    Was ist Aufgabe der Jugendhilfe in der Schule?
    Pastoors: Wir sehen, dass durch die Auflösung der Förderschulen im Zuge der Inklusion immer mehr Einzelfallbetreuung notwendig wird. Aber soll die Lösung sein, dass jedes dritte Kind einen Schulbegleiter bekommt, zumal der nachmittags in der OGS nicht mehr dabei ist? Da müssen wir zusammen mit den Schulen andere Ideen entwickeln.

    Muss das Land die dafür notwendigen Voraussetzungen noch schaffen?
    Pastoors: Ein gemeinsames Verständnis von Schule und Jugendhilfe gelingt auf kommunaler Ebene am besten. Hindernis ist dabei, dass unsere Struktur mit 186 Jugendämtern im Land zu kleinteilig ist. Und sie sind ohnehin schon unterfinanziert und überlastet.

    Sehen Sie weitere Aufgabenfelder, die in Zukunft angegangen werden müssen?
    Pastoors: Auch die Stadtentwicklung nimmt Einfluss auf die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Da gibt es bislang ebenso keine Verknüpfung. Wir haben zum Beispiel das Problem, das junge Menschen ausziehen wollen, aber keine Wohnung finden, zumindest keine bezahlbare.

    Hätten Sie eine Lösungsidee?
    Pastoors: Ohne ins Detail gehen zu wollen hätte ich eine generelle. Die hört sich schon etwas abgegriffen an, aber wenn sich alle dran hielten, könnten wir zu guten Lösungen kommen: Vom Kind aus denken.