Verlorenes neu zusammenknüpfen

    Ricarda Ophoven und Tanja Reckers (rechts) knüpfen Verlorenes im Quartier wieder zusammen.

    Früher war es eine Bäckerei, dann ein Friseursalon, jetzt wird das eher unscheinbare kleine Ladenlokal zum neuen Zentrum im Moerser Stadtteil Eick-Ost. Was an familiären Strukturen und früher selbstverständlicher Nachbarschaftshilfe verloren gegangen ist, will Ricarda Ophoven für den Caritasverband Moers-Xanten hier mit „Quartiersentwicklung“ wieder zusammen knüpfen. Ihre Kollegin Tanja Reckers arbeitet jenseits von Bahnlinie und Bundesstraße im Rheinkamp daran. Drei Jahre haben sie Zeit, dann sollen nach Auslaufen der Fördermittel stabile ehrenamtliche Strukturen entstanden sein, die das Projekt weiter tragen. Dass sich da viel Engagement entwickeln wird, zeigt sich schon. Aber ganz ohne Begleitung wird es auf Dauer nicht gehen: „Die Erfahrung zeigt, dass es noch jemanden braucht, der den Hut aufhat,“ sagt Tanja Reckers.

    Nicht jemanden, der bestimmt, aber der den Überblick behält und organisatorische Unterstützung gibt. Sonst könnten die guten Ansätze wieder verschwinden und die Idee der Geldgeber nicht aufgehen. Ansätze und einzelne Projekte zur Quartiersentwicklung, wenn auch unter anderen Begriffen, hat es in der Vergangenheit schon gegeben. Neu ist aber, dass die Bereitschaft wächst, mehr Projekte und die über einen längeren Zeitraum zu fördern. Teilweise werden sie inzwischen für fünf Jahre bewilligt.

    Es steckt auch Sorge dahinter. Für die Politik stellt sich die Frage: Wer soll die wachsende Zahl der älteren Menschen künftig in Altenheimen pflegen und lässt sich das noch finanzieren? Die Quartiersentwicklung soll Strukturen schaffen, damit ein möglichst langes selbständiges Leben in der eigenen Wohnung möglich bleibt. Das hat das Gesundheitsministerium des Landes 2015 motiviert, ein Förderprogramm für ein Quartiersprojekt pro Kreis aufzulegen.

    Dafür braucht es keine großen neuen Entwürfe. Es sind die vielen kleinen Dinge, die im Alltag helfen, erleben die Caritas-Mitarbeiterinnen. Es fängt damit an, dass sie die Menschen in ihrem Quartier kennen. „Und auch die Namen der Kinder und Tiere“, sagt Ophoven: „Wir sind Teil des Quartiers“. Damit lassen sich Lösungen für fast alle Anliegen finden, mit denen die Bewohner zunehmend in die Quartierbüros kommen. Hilfreich sind zudem Initiativen, die sich, einmal angestoßen, zunehmend entwickeln. Zwei Ehrenamtliche haben Tanja Reckers beispielsweise regelmäßige Sprechstunden zu Rentenfragen im Quartiersbüro Rheinkamp angeboten. Als Versichertenälteste bringen sie viel Erfahrung ein und sind inzwischen auch in Eick-Ost aktiv.

    Sie haben auch ein kleines Projekt angestoßen: „Gut sichtbar mit Rollatoren, Kinderwagen & Co“. Kostenlos wurden Reflektoren und Lampen angeboten und über die Sicherheit im Straßenverkehr informiert, berichtet Reckers. Zusammen mit einem Sanitätshaus sollen demnächst Rollatoren auf ihre Verkehrssicherheit überprüft und gegebenenfalls gleich repariert werden.

    Initiiert von Bewohnern bildet sich die Gruppe „Lösungsmittel“, die Hilfe in Wort und Tat anbieten will. Vor allem für Fragen zu Smartphones und Internet aber auch zum Rasenmähen und für Botengänge können Jugendliche der Taschengeldbörse angesprochen werden. Die gibt es schon im dritten Quartiersprojekt des Caritasverbandes in Kamp-Lintfort, demnächst soll in Moers gestartet werden.

    Nicht jede Idee trägt und andererseits zünden Ideen manchmal auch besser als erwartet. Auf einem Workshop zum Thema „Was bewegt Sie – was wollen Sie bewegen?“ in Kamp-Lintfort wurde unerwartet sofort ein zweiter Termin vereinbart. Tanja Reckers könnte sich vorstellen, dass sich daraus ein Bürgerstammtisch entwickelt, der gemeinsam mit dem Quartiersbüro Themen aus dem Stadtteil aktiv angeht.

    Als nächstes will sie „eine Bank reisen lassen“, auf der sich Bürger an immer wieder neuen Aufstellorten zusammensetzen können. Außerdem wollen Reckers und Ophoven für alle, die mal irgendwo hinfahren möchten und nicht selbst mobil sind, „Mitnehmerbänke“ schaffen. Schilder wollen sie an vorhandenen Sitzbänken aufstellen, die zum Mitnehmen auffordern, wenn dort jemand wartet.

    Die beiden Quartiersentwicklerinnen haben nicht nur die älteren Menschen im Blick, sondern alle Altersgruppen. Gerade die 30- bis 50jährigen seien eine wichtige Zielgruppe, sagt Reckers, wenn das Ziel erreicht werden solle, dass Senioren länger selbständig zuhause wohnen bleiben können.

    Gerade das mittlere Alter fehlt den Vereinen zunehmend als Nachwuchs. Auch finden sich immer weniger Mitglieder bereit, in Vorständen Verantwortung zu übernehmen. Wobei es noch „eine sehr gute Vereinslandschaft gibt“, sagt Ricarda Ophoven. Da entlasten die Caritas-Mitarbeiterinnen zum Beispiel durch Mithilfe bei der Organisation von Veranstaltungen.

    Die Vereine sind Ophoven sehr wichtig, denn ansonsten gibt es in diesem Stadtteil mit einem hohen Anteil älterer Menschen wenig Struktur. Es sei ein schönes Wohngebiet am Rande der Stadt, aber für die Versorgung gebe es nur den „Schiller-Shop“ als Kramladen, einen Imbiss, ein Dentallabor und einen Friseur. Umso wichtiger sei eine intakte Nachbarschaft.

    Die zu fördern und auch wieder neu aufzubauen, wird gelingen. Da haben die Quartiersentwicklerinnen keinen Zweifel – nur die Sorge, ob das dauerhaft gelingt, wenn in Projektzeiträumen von drei oder auch mal fünf Jahren gedacht und finanziert wird. Wenn die Politik es ernst meine mit dem möglichst langen Leben im Quartier, müsse sie auch die Mittel dafür bereit stellen. „Mit Ehrenamt allein geht es nicht“, betont Tanja Reckers.