„Es ist nicht immer spannungsfrei“

    Dechant Lenfers

    Interview mit Dechant Peter Lenfers

    Herr Dechant Lenfers, wieviel Caritas gehört für Sie zur katholischen Kirche?
    Lenfers: Caritas ist ein ebenso wesentlicher Glaubensvollzug von Kirche wie Liturgie und Verkündigung. In meiner Ausbildung kam sie allerdings fast nicht vor. Das ist mir deutlich geworden beim Schreiben meiner Diplomarbeit zum Thema „Evangelisierung“, bei dem mir zum ersten Mal die „Diakonie als vergessene Dimension der Pastoraltheologie“ ins Auge sprang. Im Bewusstsein Vieler ist das lange im Hintergrund auseinander gedriftet.

    Wie erleben Sie das Verhältnis von Caritas und Pastoral zueinander vor Ort?
    Lenfers: Es ist nicht immer spannungsfrei, manche sehen die Caritasverbände als „Sozialkonzern“. Aber ohne fachliche Spezialisierung geht es – unabhängig von den Ehrenamtlichen in der Gemeinde – nicht mehr. Über die Professionalität der Mitarbeitenden in unserem Caritasverband im Kreis Warendorf mit seinen zahlreichen Einrichtungen kann ich nur froh sein.

    Und wenn es Interessensgegensätze gibt?
    Lenfers: Dann müssen wir die diskutieren. Es ist gut, wenn deutlich wird, dass Caritas – auch auf der Ebene der Verbände, aber eben nicht nur dort! – ein Ausdruck gelebter Nächstenliebe ist. In meiner Verankerung als Theologe ist klar, dass das zusammen gehört.

    Der Caritas wird teilweise mangelnde Spiritualität unterstellt. Wie erleben Sie das in ihren Bezügen zur Caritas – auch als Mitglied im Caritasrat des Caritasverbandes im Kreisdekanat Warendorf?
    Lenfers: Die Spiritualität von Caritas erweist sich für mich zuallererst im praktischen Vollzug, theologisch ausgedrückt: in der „Orthopraxie“. Über die häufig eingeforderte Kirchlichkeit der Mitarbeitenden in den Verbänden wird kontrovers diskutiert, manchmal allerdings auch wie bei einem „Schattenboxen“. Im Zweifel ist mir Fachlichkeit auch wichtiger als Frömmigkeit. Wichtig ist die Haltung, die hinter dem Tun steht. Dann kann man fragen, was in den Verbänden dafür getan werden kann, Spiritualität zu fördern, z.B. durch entsprechende Unterstützung und Angebot an die Mitarbeiterschaft.

    Die Kirchen leeren sich und als Institution verliert sie an Einfluss. Wird Kirche den Menschen in Zukunft noch etwas zu sagen haben?
    Lenfers: Allen Unkenrufen zum Trotz haben wir noch viel beizutragen zur Bindefähigkeit der Gesellschaft. Viele Menschen engagieren sich in kirchlichen Strukturen und in der Betreuung von Flüchtlingen sind in jüngster Vergangenheit viele neu hinzugekommen. Keine Frage, die Luft für Kirche wird dünner. Aber wenn wir uns den Menschen mehr erklären müssen, ist das okay.

    Das ist in der Tat eine Frage: Nehmen die Menschen das viele Gute, was Kirche und Caritas leisten, überhaupt wahr?
    Lenfers: Sicherlich nicht in dem Maße, wie wir es uns wünschen würden. Caritative Angebote wie Beratungsstellen z.B. werden in Anspruch genommen, ohne dass immer auch wahrgenommen wird, dass Kirche dahinter steht. Wir können darüber nicht genug reden. Wir müssen zeigen, dass die Caritas unter dem Dach der katholischen Kirche im christlichen Auftrag unterwegs ist.

    Was in Zeiten der Fusionen nicht einfacher wird. Auch in Warendorf sind drei Kirchengemeinden zu einer neuen Pfarrei zusammengewachsen. Wo findet sich die Caritas im Leben der neuen Pfarrei?
    Lenfers: Die verschiedenen ehrenamtlichen caritativen Dienste und Gruppen unserer Pfarrei haben sich zu einer „Caritaskonferenz“ zusammengeschlossen, um die gemeinsamen Anliegen zu koordinieren und voranzubringen. Zudem sind dort Personen aus dem Pfarreirat vertreten. Im Leitbild unserer Pfarrei findet sich Caritas z.B. wieder, wenn dort ausgesagt ist, dass wir aufmerksam sind für die Nöte der Menschen. Entscheidend sind aber nicht die Worte, sondern wie die Leitsätze in den Alltag umgesetzt werden. Da werden auch gemeinsame Aktionen geplant wie der Caritas-Sonntag oder ein Fest der Kulturen.

    Pfarrcaritas-Gruppen haben lange Traditionen, neue Strukturen fusionierter Gemeinden treffen da nicht immer auf Begeisterung.
    Lenfers: Wir haben mit Begleitung der Gemeindecaritas des Caritasverbandes behutsam versucht, ein Mindestmaß an Gleichklang in die ehrenamtliche Arbeit einzuführen, ohne die Ehrenamtlichen vor den Kopf zu stoßen. Und wir haben dafür geworben, Neues zu beginnen.

    Wie sehen Sie die Zukunft der ehrenamtlichen Caritas-Arbeit?
    Lenfers: Wir brauchen sie weiterhin und wir brauchen auch die Mittel dafür. Für die Sammlungen, die ohnehin nicht mehr flächendeckend möglich sind, müssen wir uns neue Formen überlegen. Selbst die Verteilung von Überweisungsträgern als Ersatz für das Sammeln von Tür zu Tür ist schon wieder veraltet. Das wird künftig nicht einfacher werden. Zugleich erlebe ich aber auch, dass nach wie vor Menschen auf konkrete, auch caritative Aufgaben, ansprechbar sind.